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Dorothe von Flüe - Wer war sie?

       
   

 Seit zwei Jahrzehnten zieht es meinen Mann und mich aus dem Landkreis Altötting in Bayern immer wieder nach Flüeli und in den Ranft. Ein Grund dafür: Bruder Klaus ist der Patron der Katholischen Landvolkbewegung in Deutschland (KLB), in der wir beide mitarbeiten und die für uns eine geistige Heimat ist. Und es fällt auf:
In den letzten Jahren wird nicht nur im Geburts- und Wohnhaus, sondern bei den Gottesdiensten und Andachten im Ranft oder auch in entfernteren Orten wie beispielsweise in Stalden immer von Bruder Klaus und Dorothee gesprochen. Mich freut das, denn für mich sind sie zusammen als Ehepaar lebendig und richtungsweisend.

Dorothee stand jahrhundertelang im Schatten ihres Mannes, des grossen Friedensheiligen Bruder Klaus von Flüe. Doch war nicht gerade ihr Ja zur Lebensweise ihres Klaus eine Grundlage für den Segen, der von diesem Leben ausging und ausgeht?
Wir kennen das grosse und gewiss schmerzlich errungene JA-Wort des Jahres 1467, mit dem sie ihren Mann wegziehen lässt und ihm damit die Brücke baut für einen neuen Lebensweg.
Sie hat aber nicht nur das eine grosse Ja gesprochen, im Laufe ihres Lebens hat sie viele Ja’s gesprochen:
Ja zu seinen Ämtern,
Ja zu seinem Beten und Fasten,
Ja zu seinem sonderbaren Gebaren, geprägt von den Visionen,
Ja zum Gerede der Leute,
Ja zu seinem Ringen um den Willen Gottes,
Ja zu seinem Leben in der Ranft und
Ja zu einem neuen Miteinander: nach dem Weggang hat sie gelernt,
ihrem Manne neu zu begegnen.

Über das Leben der Dorothee wissen wir wenig, aus den Aufzeichnungen über Bruder Klaus können aber diese Lebensdaten gefolgert werden:
Dorothee Wyss, Ratsherrentochter aus der Schwendi über dem Sarner See, heiratet 1446 im Alter von ca. 15 Jahren den um ca. 15 Jahre älteren Nikolaus von der Flüe. Sie gebar fünf Söhne und fünf Töchter, und gab 1467 ihrem Mann das Einverständnis, in die Einsamkeit zu ziehen. Sie besuchte Bruder Klaus im Ranft und versorgte seine Besucher gelegentlich mit Nahrung. Sie war beim Sterben von Bruder Klaus dabei.
In dem 1994 erschienenen Buch von Werner T. Huber sind die schriftlichen Äusserungen über Dorothee zusammengestellt. (Siehe Auszüge aus den frühesten Niederschriften, Seite ...)

Mein Nachfragen bei Schweizer Historikern nach Stellung und Aufgabenbereich einer Bäuerin im 15. Jahrhundert erbrachte erstaunliche Ähnlichkeiten mit unserer Zeit. Denn damals hatte die Frau in Haus, Hof und Familie eine verantwortliche Stellung. Erst in den dazwischenliegenden Jahrhunderten rückten die Frauen in den Schatten der Männer. Anders aber als heute hatten die mittelalterlichen Menschen die Gemeinschaft, die Grossfamilie im Blick, nicht die Einzelperson. Die Lebensweise war kollektiv und nicht individuell gestaltet.
Aufgabe von Dorothee war es demnach, dem grossen Bauernhaushalt vorzustehen und sich um die Ernährung, die Vorräte, die Kleidung (Flachs!) und die Kindererziehung zu kümmern. Die Söhne kamen ab dem 7. Lebensjahr zum Vater in die Lehre. Der oftmals abwesende Ehemann hinterliess ihr immer wieder einen Teil seiner Aufgaben auf Hof und Feld, solange bis die Söhne alt genug waren.

Aber eigentlich möchte ich Dorothee selbst erzählen lassen!

Wer war sie? - Dorothee Wyss erzählt:

"In der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts wurde ich geboren als Tochter der Eheleute Wyss und getauft auf den Namen Dorothee. Meine Kindheit und Jugend verlebte ich nahe am Sarner See, geborgen und ohne Hunger zu leiden. Das war nicht selbstverständlich, denn es waren wirre Jahre, immer wieder wurde Krieg geführt, gab es brache, nicht bestellte Felder, Plünderung und Totschlag. Mein Vater erzählte von seinen Ratsgeschäften nicht viel zuhause, aber oft merkte ich es ihm an, dass er litt unter den Entscheidungen und Bedrängnissen.

Wenn ein Krieg zuende war, wurde das Leben wieder freier, unbeschwerter, fröhlicher, es gab wieder reichlichere Ernten, Märkte, Reigen und Tanz.

In solchen Zeiten dankten Mutter und Vater jeden Tag für den Frieden und baten Gott, dass es eine lange Zeit so bleiben möge.

Junges Eheglück

Manchmal sprach mein Vater von dem Flüeli-Bauern, ein junger Mann mit Namen Nikolaus, dem die Gerechtigkeit stark am Herzen lag. Von ihm erhoffte er sich im Rat Stärkung und Unterstützung. Ich kannte ihn nicht, aber ich konnte mir vorstellen, wo sein Hof liegt - auf der Jenseite des Sarner Sees gab es auf der Höhe ein gerodetes Felsplateau; von dem Flüe hatte die Familie ihren Namen. Vater erzählte bewundernd von diesem stattlichen Bauern, der einen geraden Weg suchte und die vielen Ungerechtigkeiten und Bestechungen bekämpfte.
Ich war ganz aufgewühlt, als ich begriff, dass dieser Nikolaus um mich zu werben begann. Schliesslich war ich ganze 15 Jahre jünger. Und Freude, Stolz und Angst machten sich gleichermassen in mir breit. Freude und Stolz bewegte mein Herz bei der Vorstellung, die Frau eines so stattlichen, redlichen und gläubigen Bauern zu werden. Angst schlich sich zwischen dieses Hochgefühl des Glücks, wenn ich an unseren Altersunterschied, an das grosse Haus und die vielfältigen Aufgaben dachte. Und wenn ich seine innere Kraft spürte! Aber genau diese Kraft zog mich auch zu ihm hin und wir gaben uns das Ja-Wort.

Ich durfte in sein grosses, neugebautes Haus einziehen. Nikolaus wirtschaftete grosszügig und sparsam zugleich. Es fehlte uns an nichts, er selbst aber lebte karg.

Leben auf dem Hof

Arbeit gab es reichlich auf dem Flüeli-Hof, besonders als wir uns gegen den Rat vieler entschlossen, von der Felderwirtschaft auf die Viehwirtschaft umzustellen. Die Familie wurde immer grösser, vier Buben und fünf Mädchen habe ich geboren. Das Gesinde mehrte sich, denn für die Bereitung der Nahrung, der Vorräte und der Kleidung brauchte ich Hilfe. Nikolaus war viel unterwegs in den Aufgaben seiner Ämter, auf den Almen und auf den Märkten. Und im Krieg! Und wenn er zuhause war, kamen Leute mit ihren Rechtsanliegen; wir haben neben dem Eingang unseres Hauses eine Ratsstube eingerichtet, in dieser konnte er vielen Menschen zu ihren Rechten verhelfen in dieser verworrenen Zeit. Manche warteten bei mir in der Küche, bis Nikolaus heimkam. Wir waren froh, als unsere ältesten Söhne Hans und Walter mitanpackten auf dem Hof.

Denn oft konnte ihr Vater gar nicht arbeiten, wenn er nachhause kam. Bis ins Innerste liess er sich treffen von den Bestechungen, von der Macht des Geldes, von den Ungerechtigkeiten den einfachen Menschen gegenüber, von den Missständen in der Kirche. Obwohl er immer noch mehr betete und fastete, er fühlte eine immer grössere Ohnmacht. Eines Tages legte er alle seine Ämter nieder.
Er erzählte mir von Bildern, die sich ihm auftun und daraus er gerne lesen möchte, was Gott von ihm will. Diese Sprache Gottes war etwas Fremdes für mich, das merkte auch Nikolaus. Und er suchte die Einsamkeit und sprach immer weniger. Er stand auf zum Gebet, wenn wir alle im Bett waren. Oder er ging gleich längere Zeit zur Melchaa hinunter. Dort wusste ihn niemand und ich fühlte es, dass er mit sei¬nem Gott allein sein will.

Zeit der Unruhe

Aber ich wusste nicht, wohin sein Weg, unser Weg führte. So von einer Unruhe getrieben, niedergedrückt, wortkarg kann es nicht auf Dauer bleiben. Neunzehn Jahre waren wir jetzt verheiratet, aber so fremd und unnahbar war mein Mann noch nie. Manchmal spürte er meine Sehnsucht, dann bemühte er sich, zu bleiben. Ich war nochmals in guter Hoffnung. Nikolaus aber konnte auch durch dieses keimende Leben in mir keinen inneren Frieden finden. Diese meine Hoffnung erfüllte sich nicht. Ganz im Gegenteil: Er wurde noch unruhiger, noch rastloser, noch leidender. Er sprach von Gottes reinigendem Sporn an ihm. Ich war froh, dass sein Priester-Freund ihn besuchte. Danach ging er allerdings noch öfter und noch länger zur Melchaa hinunter und fastete vier Tage in der Woche ganz. Manchmal sah er aus, als ob er von einem Kampfe käme. Die Kinder fragten mich oft nach dem Vater, die Leute redeten gar viel und ich wusste wenig. Ich spürte nur sein Leiden und seinen Kampf.

Erleichterung und Angst gleichermassen umfing mich, als er mich nach langer Zeit wieder mit meinem Namen ansprach und mir sagte, dass sein Ringen um einen Weg ein Ziel gefunden hat. Er müsse weggehen von uns, von dem Hof, er müsse Gott ganz dienen. Aber er könne nicht gehen ohne mein Ja-Wort. Er müsse mich ein zweites mal darum bitten.

Die Entscheidung

Gerade als wenn er mir es übergeben hätte: Jetzt befiel mich die Niedergedrücktheit, die Unruhe und die Suche nach der richtigen Entscheidung. Ich fühlte das Glück unserer Ehejahre zerrinnen, ich fühlte noch grössere Einsamkeit, ich haderte mit seinem, mit meinem Gott, aber ich fühlte, dass mein Nikolaus nicht mehr daheim sein kann. Es treibt ihn weg von uns, manchmal konnte ich denken: Er treibt ihn weg! Es war eine unwiderstehliche Kraft, der ich mich drein zu geben hatte, sonst würde mein Mann zerbrechen. Und ich sprach mein Ja.

Die Last einer schweren Entscheidung ist geringer als keine Entscheidung. Nach 20 Ehejahren hat sich Nikolaus am Gallustag von einem jeden von uns verabschiedet. Nur bekleidet mit einer Leinen-Kutte ging mein Nikolaus als ‘Bruder Klaus’ in Richtung Elsass zu den ‘Gottesfreunden’.

Viele Fragen wurden mir jetzt gestellt. Und ich traute meinen Ohren nicht, als mein Schwager Peter von unserer Alm kam mit der Nachricht, Klaus sei dort oben und lässt seinen Priester-Freund rufen, weil er seinen weiteren Weg nicht mehr weiss und weil es ihn nach nichts mehr zu essen und zu trinken verlange.

Unerhört - nach so langem Ringen wieder die Ratlosigkeit!

Der Platz, Gott zu dienen

Vier Strahlen am Himmel sollen ihn in den nahen Ranft schicken. Ein Bretterverschlag soll seine Bleibe sein. Ist das der richtige Platz, an dem er ganz Gott dienen kann?
Ich verstand es nicht - aber es war so.

Bald sahen wir Menschen hinuntersteigen, auch Neugierige waren darunter, die den Mann ohne Speis und Trank sehen wollten. Die Neugierigen wurden weniger, die Ratsuchenden mehr. Die Dorfleute halfen, eine Klause zu bauen und bald eine Kapelle daran.
Ich habe mich am Gallustag von meinem Nikolaus für immer verabschiedet in Erdentagen. Werde ich es wagen, jetzt zu ihm hinunterzusteigen?

Obwohl der Weg zur Ranft kurz ist, für mich war es ein langer Weg, als ich zum erstenmal zu Bruder Klaus hinunterstieg. Ich wagte es, ebenso wie immer mehr Menschen aus nah und fern, seinen Rat zu holen.

In innerem Frieden

Ich bin froh, dass ich es gewagt habe, denn dort unten merkte ich, dass mein Bruder Klaus seinen inneren Frieden gefunden hatte. Wenn im Flüeli oben die Einsamkeit an mir nagte, das Hadern mich überfiel, dann konnte ich jetzt an sein friedvolles Gesicht denken - das Gesicht, das ich zwei lange Jahre ganz anders erlebt hatte. Und ich durfte immer wieder Menschen begegnen, denen er einen Weg gewiesen oder einen Trost gegeben hatte. Manchmal ging ich zur Messe hinunter.

Unsere Söhne haderten viel länger als ich. Sie schlugen auch einen ganz anderen Weg ein als ihr Vater. Sie übernahmen zwar auch politische Ämter, füllten sie aber so aus, wie gar viele in dieser Zeit: Sie erlagen der Versuchung von Bestechung, Korruption und der Macht des Stärkeren.
Manchmal war es zum Zerreissen für mich. Aber der Weg in den Ranft und seine ruhigen, weisenden Worte und das Wissen um sein Gebet liessen mich dies alles ertragen."

Hedwig Beier, Fahnbach 1, D - 84533 Haiming

     
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